Learntec 2018: Learning Management ist für die öffentliche Verwaltung relevant

13. Februar 2018 um 7.32 Uhr
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Computerunterstützte Weiterbildung rückt zunehmend in den Fokus von HR-Verantwortlichen. Mit dem Aufkommen neuer Lernformen verlagert sich der Fokus für die digitale Unterstützung auf Lernmanagement-Systeme (LMS). Ein Besuch an der Learntec 2018, der grössten deutschsprachigen Messe für digitale Bildung vermittelt einen Eindruck des Entwicklungsstands und der wichtigen Trends.

In der öffentlichen Verwaltung steigt das Interesse an Learning Management, denn bereits heute wird viel ins Lernen investiert: Kantone und Städte unterhalten traditionell umfangreiche Weiterbildungsangebote für ihre Mitarbeitenden – das Spektrum reicht von Fach- und Führungswissen über Informatik-Know-How bis hin zu Selbst- und Konfliktmanagement. Fachspezifische Anwendungsgebiete sind beispielsweise Neuerungen im öffentlichen Finanz- und Rechnungswesen, Schulungen für die Pflege in Heimen und Spitälern oder Aus- und Weiterbildungen für die Polizei, für Justizbehörden, Strassenverkehrsämter, usw.

Bis anhin bestand die digitale Prozessunterstützung bei vielen dieser Institutionen aus Kursadministrations-Lösungen für die Online-Ausschreibung und –anmeldung . Diese verringern den administrativen Aufwand für die Schulungsorganisation umfassen meist Schnittstellen zu Personaladministrationssystemen und zur Finanzbuchhaltung, um die ineffiziente und fehleranfällige Doppelerfassung von Daten zu vermeiden. Mit dem Aufkommen neuer Lernformen wie «blended learning», «mobile learning» und «social learning» verlagert sich der Fokus für die digitale Unterstützung auf Lernmanagement-Systeme (LMS). Diese unterstützen nicht primär die Administration sondern den eigentlichen Lernprozess und dienen als Bibliothek für Lernmaterialien – dies in moderner und interaktiver Form wie interaktive Videos, Wikis, Foren und Online-Tests.

Ein Besuch an der Learntec 2018, der grössten deutschsprachigen Messe für digitale Bildung (30.1. – 1.2.2018 in Karlsruhe, mehr als 10’000 Fachbesucher) vermittelte einen Eindruck des Entwicklungsstands und der wichtigen Trends der Branche.

Blended Learning bleibt wichtig
Das Konzept von «Blended Learning» ist schon seit vielen Jahren bekannt und wurde inzwischen von neuen Schlagwörtern und Trends überholt. Doch seine Bedeutung für die betriebliche Weiterbildung ist ungebrochen und viele Weiterbildungsabteilungen – und selbst Bildungsinstitute wie Fachhochschulen – arbeiten fortwährend an der optimalen Umsetzung. Es gilt, den richtigen Mix aus Präsenzveranstaltungen und selbstgesteuertem Lernen zu finden und die neuen Technologien geschickt einzusetzen. Eine führende Rolle bei der Methodenentwicklung hat im europäischen Raum das britische «70:20:10 Institute». Die Key-Note von Mitbegründer Charles Jennings gehörte zu den meistbesuchten Veranstaltungen am begleitenden Kongress zur Learntec 2018. Nach der Metapher im Namen des Instituts, gilt es  formales Lernen  (10% „instructional learning“) mit sozialem Lernen (20% Austausch mit Peers) und Lernen am Arbeitsplatz (70% „Learning by Doing)“ zu verbinden. Nach Jennings ist die 70:20:10 Methodik mehr als  Blended Learning, aber auch mehr als eine reine Fokussierung auf Perfomance Support (siehe Box mit Begriffsdefinitionen). Ein Whitepaper zu Methodenset kann von der Website des Instituts heruntergeladen werden.
Für die Weiterbildungsabteilungen und –institutionen, welche «Blended Learning» optimal umsetzen wollen sind mehrere Faktoren wichtig; neben einem guten Verständnis der Methodik sind dies Unterstützung durch die Führung auf allen Ebenen, die Auswahl der richtigen Tools und eine leistungsfähige Informatik, welche die Werkzeuge optimal integrieren kann.

Charles Jennings (70:20:10 Institute) erläutert sein Modell vor grossem Publikum

Aufmarsch der Talent-Management-Suiten
Die grossen internationalen Hersteller von HR-Software haben inzwischen alle eine «Learning Management» Lösung in Ihrem Portfolio: Cornerstone, SAP SuccessFactors, Skillsoft, Talentsoft – alle waren sie in Karlsruhe mit einem Messestand vertreten. Was die Konkurrenten im Markt der «Talent-Management Suiten» vereint ist das Argument der Integration: die umfassenden Lösungen versprechen eine Durchgängigkeit von Learning, Talent Management, Performance Management und Recruiting. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Fokus auf die Cloud: die Lösungen mit modernster Benutzeroberfläche auf der Basis von Webtechnologie werden heute ausschliesslich im Cloud-Betriebsmodell angeboten. Der Erfolg gibt den grossen Software-Herstellern recht: viele internationale Firmen setzen bereits auf die HR-Werkzeuge aus dem Internet.

Messetrends
Neben den grossen globalen Anbietern waren an der Messe auch viele lokale und spezialisierte Anbieter von Learning-Software zu sehen. Die kleineren Anbieter positionierten sich mit Innovationen – oft gehörte Schlagwörter waren «Virtual Reality», «Wissensmanagement» und «Chatbots». SAP präsentierte in einer Fallstudie, wie ein Chatbot in Lern-Foren eigenständig Antworten auf FAQ-Themen gibt und zeigte damit, dass die Innovationen bereits in der Praxis nutzbar sind. Der SAP-Chatbot «Ed» verbindet soziales Lernen mit Wissensmanagement und entlastet die Trainer von repetitiv gestellten Fragen. Zu den interessantesten Innovationsthemen an der Learntec 2018 gehört die Individualisierung von Lernpfaden durch sich dynamisch anpassende Systeme sowie «Learning Analytics», das systematische Auswerten von Lernprozessen und Lernerfolg.

Performance Management
Im HR-Kontext versteht man unter Performance Management die Messung und Steuerung der Leistung von Mitarbeitenden, Teams und Abteilungen. Dazu gehören Instrumente wie Zielvereinbarung und –beurteilung und Analysen in Forme einer Performance/Potential-Matrix. Zur Steuerung gehören oft leistungsbezogenen Lohnkomponenten, in Talent-Management-Suiten über ein separates Modul ausgerichtet, das sog. Vergütungsmanagement.
Performance Support
Elektronische Performance Support Systeme bringen Hilfestellung an den Arbeitsplatz – und zwar exakt zum Zeitpunkt, in welchem diese Hilfe benötigt wird. Anstatt dass Mitarbeitende sich mit Google oder Youtube behelfen müssen, erhalten sie kontextabhängige Instruktionen aus einem betrieblichen Unterstützungssystem direkt am Arbeitsplatz; man spricht auch von Microlearning. Gut etabliert ist Performance Support zur Unterstützung von IT-Applikationen wie SAP oder Microsoft Office.
Talent Management
Unter Talent Management subsummiert man die HR-Massnahmen zur Gewinnung , Identifikation und Entwicklung wichtiger Personalressourcen. Software-Anbieter definieren den Begriff unterschiedlich um ihre angebotenen Module abzugrenzen; die umfangreichen Talent-Management-Suiten enthalten i.d.R. mehrere oder alle der folgenden Komponenten: Personal-Marketing und Recruiting, Kompetenzmodelle, Entwicklungs- und Karriereplanung, Nachfolgeplanung, Potenzialmanagement, Performance-Management.

Fazit
Institutionen welche Weiterbildung im grösseren Stil anbieten habe es längst erkannt: nur mit den richtigen Tools lassen sich Weiterbildungsmassnahmen effizient umsetzen und Resultate messbar machen. Digitalisierung und Fachkräftemangel sind Gründe für verstärkte Anstrengungen und Investitionen in Learning Management Systeme. Um mit den Veränderungen in der Arbeitswelt Schritt zu halten und uns neue Fähigkeiten anzueignen, werden wir alle in Zukunft zum Lernen vermehrt Online-Medien nutzen. Weiterbildungsabteilungen müssen sich aktiv mit den neuen Möglichkeiten und Technologien auseinandersetzen. Wo für das Lernen integrierte HR-Suiten und wo spezialisierte, branchenbezogene Lösungen sinnvoll sind, ist abhängig von der Organisation und vom Anwendungsgebiet. Die Vernetzung von LMS, Wissensmanagement-Applikationen, und Intranet-Kollaborationswerkzeugen für «Learning Communities» wird fortschreiten und verlangt eine gute Zusammenarbeit zwischen HR, weiteren Fachabteilungen und der Informatik.

Roland Füllemann, Chefredaktor von referenzportal.ch, hat 20 Jahre Erfahrung mit Informatikprojekten im ERP-Umfeld. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Projektinitialisierung, Vorstudien und Ausschreibungen für die öffentliche Verwaltung. Vorstudien und Architekturplanung für HR-Software bietet er unter dem Dach der example consulting an.

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